Traditionslied
Vereinslied
Kontext zum Traditionslied
Historische Einordnung des Vereinslieds
Kontext zum Traditionslied
Historische Einordnung des Vereinslieds
Traditionelle Liedtexte enthalten mitunter Begriffe und Formulierungen, die aus heutiger Perspektive missverständlich wirken können. Einzelne Wörter können dabei Assoziationen hervorrufen, die ursprünglich nicht beabsichtigt waren. Umso wichtiger ist es, solche Texte in ihrem historischen Zusammenhang zu betrachten.
Die deutsche Geschichte reicht weit vor das Jahr 1933 zurück. Viele Begriffe, militärische Bezüge und gesellschaftliche Rollenbilder, die heute sensibel wahrgenommen werden, waren bereits lange vor der Zeit des Nationalsozialismus Bestandteil des allgemeinen Sprachgebrauchs, der Verwaltung, des Militärwesens oder des Vereinslebens.
Auch der Begriff der „Schildwacht“, der im Liedtext vorkommt, ist historisch deutlich älter. Er bezeichnete bereits im 17. und 18. Jahrhundert eine Wache, etwa zur Bewachung von Residenzen, Festungen, Kasernen oder Lagern.
Der Junggesellen-Schützenverein Anröchte datiert seine Gründung auf das Jahr 1821. Es ist sogar davon auszugehen, dass die Tradition des Vereins noch weiter zurückreicht. Wann genau das Vereinslied getextet und komponiert wurde, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Sicher ist jedoch, dass das Lied bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg bekannt war; möglicherweise entstand es sogar bereits vor der Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871.
Der Liedtext beschreibt im Kern das Leben eines verliebten Fähnrichs, der seinem Mädchen Briefe schreibt. Gleichzeitig greift das Lied eine damalige Lebensrealität vieler junger Männer auf: die gesetzlich geregelte Wehrpflicht. In Preußen wurde die allgemeine Wehrpflicht im frühen 19. Jahrhundert eingeführt und später im Deutschen Kaiserreich fortgeführt. Auch in der Bundesrepublik Deutschland bestand bis zur Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 eine gesetzliche Verpflichtung zum Wehrdienst, wenngleich es später mit dem Ersatzdienst eine ebenfalls gesetzlich geregelte Alternative gab.
Vor diesem Hintergrund ist die im Lied erwähnte Einberufung zum Soldatendienst nicht als politische Aussage oder als Verherrlichung von Krieg zu verstehen, sondern als Bezug auf eine über lange Zeit bestehende gesellschaftliche und gesetzliche Realität.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die vierte Strophe, in der es heißt:
„Unser Führer [Name des Vorsitzenden] hat es selber gesagt …“
Der Begriff „Führer“ ist heute durch seine Verwendung im Nationalsozialismus stark belastet. Historisch wurde er jedoch auch in anderen Zusammenhängen verwendet, etwa im Sinne von Leiter, Anführer oder Vorsitzender. Im Kontext dieses Vereinsliedes ist eindeutig der jeweilige Vorsitzende des Vereins gemeint, dessen Name beim Singen eingesetzt wird.
Wahrscheinlich handelt es sich zudem um eine sprachliche Verkürzung, die dem Reim und dem Rhythmus des Liedes geschuldet ist. Aus heutiger Sicht könnte man sinngemäß von „Vereinsführer“ oder „Vorsitzender“ sprechen. Diese längere Formulierung hätte jedoch nicht in das Versmaß der Strophe gepasst. Zudem wurden Vereinsvorsitzende in früheren Zeiten durchaus auch als Vereinsführer bezeichnet.
Das Vereinslied steht daher nach unserer Einordnung nicht im Zusammenhang mit nationalsozialistischem Gedankengut. Es behandelt weder die NS-Zeit noch propagiert es rechte Ideologien. Ebenso wenig steht die Verherrlichung von Krieg im Mittelpunkt. Vielmehr spiegelt der Text historische Sprache, damalige Vereinsstrukturen und die Lebenswirklichkeit junger Männer in einer Zeit wider, in der der Militärdienst gesetzlich vorgeschrieben war.
Das Lied ist somit als historisches Vereinslied zu verstehen, dessen einzelne Begriffe aus heutiger Sicht erklärungsbedürftig sein können, aber nicht losgelöst von ihrer Entstehungszeit bewertet werden sollten.
Es hat sich ein Fähnrich wohl in ein Madel verliebet.
Es hat sich ein Fähnrich wohl in ein Madel verliebet.
Eine hübsche, eine feine,
Eine hübsche, eine feine,
Eine hübsche, eine feine, eine Bierbraumamsel.
Eine Bierbraumamsel.
Hab´ Schildwacht gestanden, hab´ so redlich präsentieret.
Hab´ Schildwacht gestanden, hab´ so redlich präsentieret.
Hab´ so manches schöne Madel,
Hab so manches schöne Madel,
Hab so manches schöne Madel in mein Schilderhaus geführt.
In mein Schilderhaus geführt.
Die traurigen Briefe schicken wir Ihr nach Hause.
Die traurigen Briefe schicken wir Ihr nach Hause.
Denn sie treiben Ihren Eltern,
Denn sie treiben Ihren Eltern,
Denn sie treiben ihren Eltern viele Tränen heraus.
viele Tränen heraus.
Unser Führer, [Name des Vorsitzenden], hat es selber gesagt:
Unser Führer, [Name des Vorsitzenden], hat es selber gesagt:
Dass wir alle jungen Burschen,
Dass wir alle jungen Burschen,
Dass wir alle jungen Burschen müssen werden Soldat.
müssen werden Soldat.
(1. Vorsitzender: „Lied aus“)
